Warum Spinnenangst?Phobien durch scheinbar harmlose KrabbeltiereWarum haben so viele Menschen Angst vor Spinnen? Schließlich handelt es sich um winzige harmlose Krabbeltiere, die in unseren Breiten niemandem etwas zu Leide tun. Warum haben wir statt dessen nicht Panikattacken, Schweißausbrüche und Herzrasen beim Anblick eines Autos, das hierzulande weit gefährlicher ist, als eine harmlose Spinne? Schließlich kann jeder von uns in einen tragischen Autounfall verwickelt werden, aber niemand kommt in Deutschland durch einen Spinnenbiß in Lebensgefahr. Letzteres blenden wir mühelos aus, während wir uns mit scheinbar absurden Ängsten herumschlagen. Aber Spinnenangst ist keinesfalls absurd. Biologisch sind wir auf eine Reihe von Ängsten "programmiert". Das sind Urängste, die für unser Überleben in der Wildnis sehr nützlich wären. So ist es biologisch sinnvoll, daß Brüllen eines Tigers instinktiv richtig zu deuten. Ebenso gibt es eine Reihe anderer Reize in der Natur, auf die wir mit Angst reagieren. Einige Beispiele: Zähne zeigen, laute Stimmen, große Höhen, das Schlängeln einer Schlange und eben auch das schnelle ungerichtete Dahinflitzen eines Krabbeltieres. Reflexartig weichen wir aus, schütteln die Hände, damit "ES" ab geht. Das ist angeboren und es ist gut so, denn durch diese Instinkte schützen wir uns vor Gefahren. Ein Krabbeltier kann giftig sein oder Krankheiten übertragen, deshalb ist es zunächst sinnvoll, auszuweichen. Aber warum kann es zu einer übersteigerten Angst kommen, die keine natürliche Schutzfunktion mehr hat, sondern schlichtweg das Leben einschränkt. Die Spinnenphobie wird in der Kindheit geprägtHäufig wird behauptet, daß Kleinkinder noch keine Angst vor Krabbeltieren haben und die Angst von den Eltern "eingetrichtert" bekommen. Das ist aber nur die halbe Erklärung. Wenn wir mit der FilmTier Zentrale öffentliche Veranstaltungen mit unseren zahmen Vogelspinnen und Schlangen machen, sind die meisten Kleinkinder sehr vorsichtig. Typisch ist das Bild der Eltern, die den Zweijährigen auf dem Arm haben und sich der zahmen Spinne Cosima nähern: "Streichel doch mal. Die tut gar nichts." Die Kleinen sind aber nicht zu begeistern. Häufig fangen sie an zu weinen, weil sie das unbekannte behaarte Ding gar nicht kennenlernen wollen. Die Kinder haben also einen guten Schutzinstinkt. Später, im Alter von 4 oder 5 Jahren, lassen sich die Kinder meist mühelos an Spinnen oder Schlangen heranführen. Sie lernen dann am Vorbild der Erwachsenen, daß keine Gefahr droht. In dieser sensiblen Lernphase können Kinder aber auch das Gegenteil lernen: Ein Spielkamerad ärgert den anderen mit einer zappeligen Spinne. Die flitzt unter den Pulli...und schon ist Angst, Ekel und Abneigung gegen Krabbeltiere gelernt; man sagt sogar geprägt. Das bedeutet, gerade diese Angst vor der Spinne kann durch ein einziges Erlebnis in einem Kind verwurzelt werden, weil es die angeborenen Vorsicht-Instinkte bedient. Diese Angst sitzt für den Rest des Lebens. Wollte ein böswilliger Mensch seinem Kind Angst vor Butterblumen machen, würde das nicht so einfach klappen. Wie mühsam müssen wir den Kinder die wirklichen Gefahren des Alltags nahebringen; Autos, Strom, heiße Herdplatten. Für all das gibt es nämlich keine natürlichen Sensoren. Das Leben wird eingeschränkt durch VermeidungsverhaltenDie Spinnenangst ist nun geprägt. Was geschieht dann? Häufig hat das schwerwiegende Konsequenzen im Alltag. Nun setzt ein Vermeidungsverhalten ein. Alle Situationen und Orte, an denen der Betroffene mit Spinnen konfrontiert wird, werden gemieden. Das setzt sich fort bis ins Erwachsenenalter. Dann fragt man sich irgendwann: "Ist es normal, wenn ich den Koffer nicht alleine vom Dachboden holen kann? Wenn ich mein Badezimmer nur betreten kann, nachdem der Ehegatte geprüft hat, ob es sicher ist? Womöglich hat er die dicke Spinne hinter dem Boiler übersehen! Manchmal kommt es auch zu schlimmen Katastrophen. Hin und wieder findet man Zeitungsmeldungen über Autofahrten, die im Graben endeten. Als Grund wird angegeben: Die Fahrerin hat die Kontrolle über das Auto verloren, weil sich eine Spinne vom Rückspiegel abgeseilt hat. ErwartungsangstFür Außenstehende erscheint eine derart ausgeprägte Spinnenphobie absurd. Häufig gibt es gute Ratschläge: "Reiß dich zusammen. Die Spinne hat mehr Angst vor dir als du vor ihr." Gutgemeinte Worte helfen meist wenig, denn das Vermeidungsverhalten muß aufgebrochen werden. Viele Betroffene können das selbst leisten, zum Beispiel mit Hilfe von einfühlsamen Freunden. Häufig treffen sie mit ihrem Verhalten aber auch auf Unverständnis oder schämen sich gar dafür. Dann verstärkt sich die Angst und es kommen noch andere Komponenten hinzu. Genauso wie die Furcht in der Kindheit erlernt wurde, kann sie später wieder verlernt werden. Und genauso wie die Anwesenheit einer Spinne die Phobie ausgelöst hat, führt die kontrollierte Annäherung an die Tiere auch zur Befreiung von der Phobie. Therapeuten und Wissenschaftler sprechen von einer "isolierten Phobie". Das bedeutet, Spinnenangst bezieht sich tatsächlich auf die Spinne. Durch das ständige Spinnen-Vermeidungsverhalten treten aber auch andere Probleme auf, die dann häufig in Wechselwirkung mit der Spinnenangst treten. Es kann sogar zu einer Erwartungsangst kommen. Dann kommt es zu Angstattacken, obwohl gar keine Spinne anwesend ist. Allein die Möglichkeit löst die Angst aus. Leben ohne SpinnenangstDeshalb führt die Befreiung von der Spinnenangst bei vielen Patienten zu einem allgemein angstfreieren Leben und zu einer Lebensführung mit mehr Mut; nach dem Motto: "Ich hätte mir niemals vorstellen können, die Angst zu überwinden. Jetzt habe ICH es geschafft. Dann werde ich auch mit anderen Problemen fertig." Dieser Text unterliegt dem Copyright von all about animals / Holger T. Kirk Wiedergabe und kommerzielle Verwendung unterliegen der ausdrücklichen Genehmigung des Autors |